Weniger Energie- und Ressourcenverbrauch durch Suffizienz

Suffizienz als Strategie der Genügsamkeit

Prof. Dr. Marion Büttgen – Fachgebiet BWL, insb. Unternehmensführung (570B)

Prof. Dr. Verena Hüttl-Maack – Fachgebiet BWL, insb. Marketing und Konsumentenverhalten (570E)

Jun.-Prof. Dr. Laura Henn – Fachgebiet Nachhaltiges Handeln und Wirtschaften (560G)

Prof. Dr. Bernd Ebersberger – Fachgebiet BWL, insb. Innovationsmanagement (570F)

Den Teilprojekten in unserem Forschungs-Cluster Suffizienz liegt die Annahme zugrunde, dass Suffizienz als Strategie der Genügsamkeit den Energie- und Ressourcenverbrauch durch veränderte Produktions-, Konsum- und Nutzungspraktiken auf ein ökologisch nachhaltiges Maß reduzieren und gleichzeitig ein hohes Maß an menschlichem Wohlbefinden und Lebensqualität sicherstellen kann. Durch Fokussierung auf das absolute Ausmaß der Ressourcennutzung (in Abgrenzung zur Effizienz und Konsistenz, die stärker die Art der Ressourcennutzung adressieren) geht mit suffizientem Wirtschaften auch der Verbrauch fossiler Brennstoffe zurück.

Die aktuelle Forschung gliedert die Umsetzung von Suffizienz systematisch in zwei Perspektiven: die Nachfrage- und die Angebotsseite. Diese können jeweils auf einer Mikro- und einer Makroebene betrachtet werden:

1. Suffizienz auf der Nachfrageseite
  • Das Individuum (Mikroebene) Suffizienz zeigt sich in veränderten Lebensstilen und Verhaltensweisen, die auf eine Mäßigung des individuellen Konsums zielen. Konsument:innen reflektieren ihre Bedürfnisse und verändern ihre Konsummuster hin zu Konsumverzicht und ressourcenschonenden Nutzungsformen (z.B. Teilen von Gütern, Verlängerung der Produktlebensdauer und Praktiken der Wiederverwendung, Reparatur und Wiederaufbereitung). Die Handlungsmacht liegt hier primär bei den Individuen, für deren Handeln jedoch suffizienzförderliche externe Voraussetzungen (durch entsprechende Produkt- und Dienstleistungsangebote, Plattformen etc.) gegeben sein müssen.
  • Die Gesellschaft (Makroebene) Auf gesellschaftlicher Ebene erfordert konsumseitige Suffizienz einen sozioökonomischen Wandel hin zu einer gerechteren Verteilung des Wohlstands, zu veränderten Werthaltungen und der Veränderung konsumorientierter Normen.
2. Suffizienz auf der Angebotsseite
  • Das Unternehmen (Mikroebene) Für Unternehmen bedeutet Suffizienz radikale Veränderungen in den Produkt- und (Dienst-)Leistungsportfolios sowie in den Geschäftsmodellen. Indirekt können hier Unternehmen Verantwortung übernehmen, indem sie durch gezielte Innovation und die Ausgestaltung des Geschäftsmodells Konsument:innen aktiv hin zu einem genügsamen Konsum lenken. So sind z.B. Sharing-, Reparatur-, Recycling und Upcycling-Angebote sowie Secondhand-Retailing-Angebote, sowohl online als auch stationär, Umsetzungsformen einer Suffizienstrategie.
  • Die Wirtschaft (Makroebene) Hier erfordert die Orientierung an Suffizienz, dass alternative Formen gedacht, diskutiert und implementiert werden, wie in einer Gesellschaft wirtschaftliche Aktivität organisiert werden. Hier können auch politische und gesetzliche Rahmenbedingungen wichtige Säulen darstellen.

Als Teil des fakultätsweiten Fokusthemas Nachhaltige Wirtschaft und Konsum konzentrieren sich die Forschungsarbeiten des Forschungs-Clusters Suffizienz auf die Mikro-Perspektive und adressieren dabei sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite. In unseren Forschungsarbeiten gehen wir der Frage nach, welche Akteure, Mechanismen und Treiber Suffizienz in Wirtschaft und Gesellschaft beeinflussen.

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Suffizienz – Nachfrageseite

Nachfrageseite

Projekt: Sufficiency Orientation as a Psychological Motivator for Consumption Reduction

Leonie Ströbele & Laura Henn

Suffizienz als nachfrageseitige Strategie zur Einsparung von Energie und Ressourcen rückt das individuelle Konsumverhalten in den Fokus. Um die motivationale Grundlage für Konsumverringerung und -veränderung zu ergründen, haben wir ein psychologisches Maß zur Messung der individuellen Suffizienzorientierung entwickelt und validiert an Merkmalen eines suffizienten (d.h. energie- und ressourcensparsamen) Lebensstils in den Bereichen Wohnen, Mobilität und Konsum. Eine höhere Suffizienzorientierung geht einher mit geringerer Wohnfläche, weniger Autobesitz, höherer Mobilität im Umweltverbund, weniger elektronischen Haushaltsgeräten, weniger Kleidungsstücken und davon mehr in Second-Hand-Qualität. 

Publikation

Ströbele, L., & Henn, L. (submitted). Sufficiency Orientation: Toward a Psychological Understanding of Consuming Less. 

Nachfrageseite

Projekt: Second-Hand-Kleidungskonsum – ein Beitrag zur Ressourceneffizienz? (SeCons)

Laura Henn und Chiara Meschbach

Die ökologische Entlastungswirkung von einzelnen Suffizienzpraktiken ergibt sich jedoch erst aus dem Gesamt-Verhaltensmuster. Auch suffizienzorientierter Konsum wie z.B. Kauf von Second-Hand-Mode kann als zusätzlicher (statt substituierender) Konsum Rebound darstellen. Das Projekt SeCons untersucht, unter welchen Bedingungen der Kauf von Second-Hand-Kleidung tatsächlich den Neukauf von Textilien ersetzt und damit zur Ressourcenschonung beiträgt. Mithilfe qualitativer Interviews mit Ladenbesitzer:innen und quantitativer Kund:innenbefragungen im Raum Stuttgart werden verschiedene Second-Hand-Ladentypen sowie deren Zusammenspiel mit Kaufmotiven und Suffizienzorientierung der Konsument:innen analysiert. Die Ergebnisse liefern eine empirische Grundlage für die Weiterentwicklung nachhaltiger Konsumstrategien und suffizienzfördernder Konzepte im Second-Hand-Textilhandel.

Projektseite: https://nah.uni-hohenheim.de/forschungsprojekte

Gefördert von: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (Summe: 35.400€)

Nachfrageseite

Projekt: What Does It Take to Buy in Brick-and-Mortar Secondhand Fashion Stores? A Non-user Segmentation With Recommendations Considering Current Secondhand Retail Trends

Felix Zechiel, Marah Blaurock & Marion Büttgen

Der stationäre Secondhand-Modehandel kann ein wichtiger Treiber einer suffizienz-orientierten Transformation der globalen Modebranche sein und bietet zugleich erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Basierend auf qualitativen Interviews und einer Online-Befragung von 27 Nicht-Secondhand-Nutzenden entwickelt die Studie eine Segmentierung von vier Nichtnutzergruppen und identifiziert deren spezifische Nutzungsbarrieren. Zudem werden zielgruppenspezifische Handlungsempfehlungen sowie Ladenkonzepte entwickelt und die Attraktivität aktueller Secondhand-Einzelhandelstrends bewertet. Die Ergebnisse leisten einen Beitrag zur Forschung über Innovationsdiffusion, Konsumentenakzeptanz und Kundensegmentierung und unterstützen Secondhand-Anbieter dabei, bislang unerschlossene Kundengruppen gezielt anzusprechen.

Publikation

Zechiel, F., Blaurock, M., & Büttgen, M. (2026). What does it take to buy in brick-and-mortar secondhand fashion stores? A non-user segmentation with recommendations considering current secondhand retail trends. Journal of Retailing and Consumer Services, 88, Article 104501, doi.org/10.1016/j.jretconser.2025.104501

Nachfrageseite

Projekt: Promoting Circular Economy Practices Through Consumer-Centered Communication

Leah Rita Speier & Verena Hüttl-Maack

Unter Circular Economy bzw. zirkulärer Wirtschaft versteht man ein Wirtschaftsmodell, das Produkte, Komponenten und Materialien möglichst lange im Kreislauf hält – etwa durch Wiederverwendung, Reparatur, Wiederaufbereitung und Recycling. Dies steht im Gegensatz zum konventionellen linearen Wirtschaftsmodell, bei dem neue Ressourcen zur Herstellung und Nutzung von Produkten verwendet werden, die nach der Nutzungsphase entsorgt werden („take, make, waste“).

Studienreihe „Consumer Adoption of Refurbished Products”

Dieses Teilprojekt untersucht, wie Konsument:innen zum Kauf von Produkten mit zirkulären Eigenschaften anstelle konventioneller Produkte ermutigt werden können. Dazu zählen beispielsweise wiederaufbereitete Produkte (refurbished products) sowie Produkte, bei deren Herstellung recycelte Komponenten oder Materialien verwendet werden. Im Mittelpunkt stehen kommunikative Maßnahmen auf Online-Plattformen und in Online-Shops, auf denen refurbished products typischerweise angeboten werden. Erste Erkenntnisse zeigen, dass insbesondere Unsicherheit über die Produktqualität und die wahrgenommene Variabilität der Produkte Kaufbarrieren darstellen. Kommunikationsmaßnahmen, die diese Barrieren gezielt adressieren, wie bspw. das Bereitstellen von Details zum Refurbishment-Prozess oder Erfahrungsberichte anderer Kund:innen, können Vorbehalte abbauen und die Kaufabsicht erhöhen.

Studienreihe „Take-back Programs“

Auf der Input-Seite einer zirkulären Wirtschaft steht die Rückgewinnung von Rohstoffen und Ressourcen, die erneut in den Kreislauf geführt oder zu neuen Produkten verarbeitet werden können. Auch Konsument:innen spielen hierbei eine wichtige Rolle: In privaten Haushalten befinden sich wertvolle Rohstoffe wie Kupfer, Kobalt und seltene Erden in nicht mehr genutzten Geräten, beispielsweise Computern und Smartphones. Unternehmen versuchen mit sogenannten Take-Back-Programmen und Rücknahmeaktionen, Konsument:innen zur Rückgabe alter oder ungenutzter Geräte zu bewegen. Die zweite Studienreihe untersucht, wie solche Programme gestaltet und kommuniziert werden sollten, damit sie von Konsument:innen möglichst gut angenommen werden.

Konferenzbeiträge

Speier, L. R. & Hüttl-Maack, V. (2026). From Old Shoes to New Carpets? How Recycled Products’ Category Fit Affects Consumer Acceptance of Circular Take-Back Programs, presented at the International Conference of Research in Advertising (ICORIA), June 2025.

Speier, L. R. & Hüttl-Maack, V. (2026). Platform-Dependent Persuasion: How Peer- and Firm-Generated Cues Shape Refurbished Product Evaluation, presented at the European Marketing Academy Conference (EMAC), June 2026.

Speier, L. R. & Hüttl-Maack, V. (2026). Reducing Uncertainty for Refurbished Products: The Role of Customer Reviews and Refurbishment Disclosures Across Platforms, presented at the International Conference of Research in Advertising (ICORIA), June 2026.

Suffizienz – Angebotsseite

Angebotsseite

Projekt: Innovation for Sufficiency

Indra da Silva Wagner und Bernd Ebersberger

In diesem Projekt befassen wir uns mit der Integration von Suffizienz ins betriebliche Innovationsmanagement. Nachhaltige Innovationen fokussieren sich meist auf „Öko-Effizienz“. Das heißt, neue Güter, Dienstleistungen oder Produktionsprozesse versuchen den Ressourceneinsatz zu reduzieren. Dies führt jedoch häufig zu Rebound-Effekten: Die Effizienzgewinne werden durch ein gestiegenes Konsumvolumen und eine Ausweitung der Produktion wieder zunichtegemacht. Innovationen, die auf Öko-Effizienz abzielen, lösen das eigentliche Problem des Überkonsums nicht.

Hier setzen wir an und entwickeln das Innovation for Sufficiency-Framework, in dem wir 15 verschiedene suffizienzorientierte Innovationsarten identifizieren und klassifizieren.

Die Kernbotschaft dieses Projekts ist, dass Unternehmen nicht nur passiv auf eine Veränderung der Nachfrage – nämlich nach suffizienten Lösungen – reagieren, sondern durch diese 15 Innovationsarten aktiv das Konsumverhalten lenken und formen können.

Publikation

Da Silva Wagner, I., & Ebersberger, B. (2026). Innovation for Sufficiency: How Businesses Support a Disruptive Consumption Strategy. Creativity and Innovation Management, caim.70062. https://doi.org/10.1111/caim.70062

Angebotsseite

Projekt: Beyond Efficiency and Consistency – Achieving Sustainability Through Service-Enabled Sufficiency

Felix Zechiel

Nachhaltigkeit zählt zu den zentralen Themen der Dienstleistungsforschung. Das Prinzip der Suffizienz stellt einen wesentlichen Treiber nachhaltiger Entwicklung dar und kann die Gestaltung von Dienstleistungen maßgeblich beeinflussen. Dieser konzeptionelle Beitrag nimmt die Perspektive wirtschaftlicher Akteure ein und entwickelt ein Services-for-Sufficiency-Framework, das unterschiedliche Suffizienzkategorien mit relevanten Kategorien ressourcenintensiver Güter sowie güterbezogener Dienstleistungen integriert. Das Framework zeigt auf, wie Dienstleistungsangebote Suffizienz fördern können, und identifiziert zentrale Cluster suffizienzfördernder Dienstleistungen. Es bietet damit einen Ausgangspunkt für die Entwicklung entsprechender Geschäftsmodelle.

Publikation

Zechiel, F. (2023). Beyond Efficiency and Consistency – Achieving Sustainability through Service-enabled Sufficiency. SMR  Journal of Service Management Research, 7(4), 199–212. doi.org/10.5771/2511-8676-2023-4-199

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